Einblicke

Unterstützung vor Ort

Vor 15 Monaten trat Sandra bei uns in der phoenix Wohngemeinschaft ein. Bereits mit dem klaren Ziel vor Augen an ihrem 18. Geburtstag in den Bus zu steigen und zurück in ihre Heimatstadt Berlin zu fahren. Bis dahin holte sie verpassten Schulstoff nach und kümmerte sich um Praktikumstellen im Bereich Floristik.

Ihr Aufenthalt in der Wohngemeinschaft war von vielen Hochs und Tiefs geprägt, richtig eingelebt und wohlgefühlt hat sie sich jedoch nicht. Es war klar, sie hatte noch einen Koffer in Berlin, wie es  Hildegard Knef in einem Lied so wunderbar besingt. Als ihre Bezugsperson durfte ich Sandra in Berlin eine Woche lang dabei unterstützen Fuss zu fassen. Es war eine herausfordernde Erfahrung, in jeder Hinsicht...

Tag 1: „Plan A-C“

Während der Vorbereitungszeit bekam ich am Telefon von den deutschen Behörden meist zu hören, dass sie mir nicht weiterhelfen könnten, da sie nicht die richtige Ansprechperson sind. Vor Ort, also in Berlin, versuchte ich mein Glück erneut. Diesmal allerdings mit dem Zusatz: „Dann komme ich morgen mit der Jugendlichen bei Ihnen im Büro vorbei“ der Wunder wirkte. Plötzlich bekam ich die nötigen Auskünfte und Termine, sodass ich die Pläne A-C ausarbeiten konnte. Diese besprach ich dann am Mittag mit Sandra und wir stellten einen Zeitplan für die Woche auf. Schon da war klar, es wird eng, eine Woche ist knapp.

Tag 2: „Jugendamt Klappe die Erste“

Den zweiten Tag begannen wir hochmotiviert bei dem Jugendamt, welches nach unserem Wissen für Sandra zuständig sein müsste. Als wir dort ankamen, wollte man uns mit dem Satz:“wir sind nicht zuständig“, jedoch gleich wieder weg schicken. In diesem Moment wurde uns klar, dass die Berliner Besonderheit, nach vier Auswahlkriterien zuständig oder besser gesagt nicht zuständig zu sein, zum Problem werden würde. Denn entweder richtet sich die Zuständigkeit nach der offiziellen Meldeanschrift, dem aktuellen Aufenthaltsort, dem Geburtsmonat des Jugendlichen oder dem Geburtsmonat des älteren Elternteils. In der Praxis bedeutete es aber vor allem, dass jedes Jugendamt in Berlin drei Möglichkeiten zur Begründung hat, um nicht zuständig zu sein. Das Gespräch endete mit der Anweisung an uns, wir müssen eine Kostenübernahmegarantie der Schweizer Behörden vorlegen, dann würden sie tätig werden. Nach dieser Ansage war klar, dass auf dem direkten Weg mit dem Jugendamt kein Weiterkommen sein würde. Deshalb wollten wir uns am nächsten Tag Unterstützung beim Berliner Rechtshilfefond für Jugendliche (BRJ) holen.

Tag 3: „Eine Odyssee durch Berlin“

Der dritte Tag begann mit einer Odyssee durch die Berliner Innenstadt, gefühlten 20 Mal umsteigen von der S-Bahn in die U-Bahn und weiter mit dem Bus. Doch der herzliche Empfang der Mitarbeiterinnen vom BRJ entschädigte uns für die Qual des öffentlichen Nahverkehrs in einer Grossstadt. Endlich stiessen wir auf offene Ohren und konnten einen Plan erarbeiten, welcher Sandra direkt ins deutsche Helfersystem einschleusen sollte.

So setzten wir unsere Reise am Nachmittag zuversichtlich fort, um dann gegen 19.30 Uhr beim Mädchen-Notdienst (MND) anzukommen. Auch dort nahm man uns grundsätzlich offen, wenn auch etwas skeptisch in Empfang. Und zum dritten Mal erzählten wir unsere Geschichte und erklärten die bestehende Notlage. Nach einem zweistündigen Gespräch vereinbarten wir, dass die Jugendliche am nächsten Morgen im MND aufgenommen werden konnte und nur zum Packen wieder zu den Grosseltern geschickt wurde.

Tag 4: “Jugendamt Klappe die Zweite“

Um 8.00 Uhr begann unser Tag indem wir das gesamte Hab und Gut der Jugendlichen ins Auto packten und uns auf den Weg zum MND machten. Mit schweizerischer Pünktlichkeit trafen wir, Empfang wurde klar, dass es nicht wie geplant laufen würde. Eine Mitarbeiterin versuchte uns verständlich zu machen, dass sich die Jugendliche in keiner Notlage befände, da sie derzeit einen Aufenthaltsort habe und ja auch jeder Zeit in die Schweiz zurückkehren könne. Nach einem einstündigen Gespräch verliessen wir frustriert das Gebäude und wussten zunächst nicht, was wir nun machen sollten. Uns blieben nur noch 1 ½ Tage und uns gingen grad die Ideen aus. Mir wurde klar, dass ich in dieser Zeit keine wirkliche Lösung mehr finden würde. Aber ich könnte immerhin versuchen andere Sozialpädagogen dafür zu gewinnen Sandra auf ihrem Weg zu begleiten. Und so dockten wir am Mittag bei den Offroad Kids am Alexanderplatz an, die uns erst einmal auf ihre sonnendurchflutete Terrasse einluden, um unsere Batterien wieder etwas aufzuladen.

Wie erhofft, fanden wir dort die nötige Unterstützung und machten uns gemeinsam mit ihnen am Nachmittag auf den Weg zu einem anderen Jugendamt. Und endlich hatten wir Glück: da war er! der Sozialarbeiter der nicht nur Kosten, sondern vor allem den jungen Menschen in Not sah. Er erklärte sich bereit, den Fall zumindest vorübergehend zu übernehmen und wollte nach einer längerfristigen Lösung mit der Jugendlichen suchen.

Tag 5: „Der Abschlussabend“

Nun, da wir für Sandra doch noch eine Rechtsbegleitung, einen zuständigen Sozialarbeiter des Jugendamtes und die Unterstützung durch die Offroad Kids gefunden hatten, konnten wir den letzten Abend doch noch für einen schönen Abschluss nutzen.

15 Monate begleitete ich als Bezugsperson die Jugendliche auf ihrem Weg und unterstützte gemeinsam mit dem Team Sandras Wunsch zurück nach Berlin zu gehen. Nun sassen wir also hier, an einem Freitagabend gemeinsam bei einem Italiener, mitten in der Berliner Innenstadt und liessen die vergangene Zeit und vor allem eine intensive und spannende Woche nochmals Revue passieren.

Ich wünsche Sandra, dass sie ihre Koffer bald auspacken kann.

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